Ausgehend vom französischen Surrealismus, insbesondere von André Bretons Theorie des psychischen Automatismus, widmet sich der in Wien lebende österreichische Maler Arnulf Rainer seit 1950 einer eigenwilligen schöpferischen Methode, die unter dem Begriff «Übermalungen» bekannt geworden ist. Hatte Rainer dafür anfangs vorwiegend alte Gemälde oder Graphiken benutzt, die billig zu erwerben waren, so übermalte er später, wie die beiden vorliegenden Bildbeispiele aus der Sammlung Batliner zeigen, am liebsten eigene Photographien, die er zuvor auf eine Holzplatte aufgezogen hatte. Seit 1973 verlieh er seinen Übermalungen noch grössere Unmittelbarkeit, indem er die Farbe, wie dies auch Kinder gerne tun, direkt mit den Fingern über die Photographie strich.
Auf dieses im wörtlichen Sinn handgreifliche Vorgehen spielt wohl auch das Wort «Handgemenge» im Titel des rechts abgebil-deten Werkes an. Was aber bedeutet das Wort «botanisch»? Mitte der achtziger Jahre beschäftigte sich Rainer auffallend oft mit Blumen und Reptilien. Wie das Beispiel Die Schlange und die Blume zeigt, treten die beiden Themen gelegentlich auch vermischt auf. Seine Vorlagen fand er vor allem in alten naturwissenschaftlichen Lehr- oder Hand-büchern, aus denen er meist skrupellos die Seiten herausriss und künstlerisch bearbeitete.
Das querformatige Botanische Handgemenge von 1986 ist ein sehr typisches Beispiel aus Rainers umfangreicher Bilderserie der Botanik. Auf einer sehr blass abgezogenen Schwarzweissphotographie, die eine Blumenwiese wiedergibt, verwischte er mit den Fingern zuerst ein kräftiges Zinnober, dann ein stumpfes Braun und schliesslich ein stark verdünntes Dunkelblau, wobei er trotz aller Spontaneität darauf achtete, dass die Übermalung die Form eines Blumenstrausses annahm.
Ernst-Gerhard Güse deutet diese Serie von Übermalungen, die natürlich auch immer Akte der willentlichen Zerstörung und Auslöschung sind, mit folgenden Worten: «In den Übermalungen naturkundlicher Motive ereignet sich die Ausweitung nekrophiler Tendenzen ins Kosmische. Alles, was lebt, Mensch, Tier, Pflanze, wird im Bild der Zerstörung, dem Tod überantwortet.»



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