Ernst Ludwig Kirchner gilt als der Inbegriff der deutschen Expressionisten. Bis zu seinem Freitod im Sommer 1938 auf einer Alpenwiese arbeitete er konsequent an den Ausdruckswerten der menschlichen Figur und Landschaft in Linie und Farbe nicht nur als Maler, sondern auch als Graphiker und Plastiker. Am 7. Juni 1905 gründete Kirchner zusammen mit Heckel, Bleyl und Schmidt-Rottluff in Dresden in einem offen gelassenen Schusterladen eine Ausstellungs- und Ateliergemeinschaft, die sich "Brücke" nannte. In ihrem gemeinsamen "Programm", das sie als Holzschnitt veröffentlichten, äußerten sie sich weniger über künstlerische Ziele. Vielmehr beriefen sie sich auf das Anrecht der Jugend nach Veränderung. Pathetisch formulierten sie: "... als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen draengt."
Wenngleich als Maler weitgehend Autodidakt, so hatte sich Kirchner besonders während seines kurzen Zeit in München 1903/4 einem gründlichen Studium des menschlichen Aktes gewidmet, der zeitlebens ein Thema seiner Kunst blieb. Der Frauenakt, für den vermutlich Kirchners Freundin Doris Groß, liebevoll "Dodo" genannt, Modell saß, wurde in der Hauptsache in Dresden um das Jahr 1909 gemalt. Da nach dem Krieg viele Bilder Kirchners, die noch in seinem Berliner Atelier verblieben waren, unter dem Transport nach Davos gelitten hatten, sind um 1919/20 an manchen von ihnen 'Restaurierungen' des Künstlers festzustellen. So auch an dem Frauenakt, der an einigen Stellen Übermalungen aus dieser Zeit aufweist. Die auf dem Bild gezeigte Dodo, in kostbar grün schimmernder Nacktheit, lagert auf einem roten Teppich, mit verlangend leidendem Blick, verführend und verführt. Am 5. Juli 1919, vielleicht zur Zeit der Überarbeitung des Frauenakts, schrieb Kirchner in sein Tagebuch über Dodo, von der er sich 1911 getrennt hatte; "... Still und fein und so weiß schön. Deine feine frische Liebeslust [...]. Doch Du gabst mir die Kraft zur Sprache über Deine Schönheit im reinsten Bilde eines Weibes [."]. Ich weiß, dass Du manchmal an mich denkst, Glück und Qual haben wir beide gehabt."ki



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