Um 1886 wurde Vuillard von seinem Freund Kerr-Xavier Roussel dazu gedrängt, in die Ecole des Beaux-Arts einzutreten. Dort trafen sie auf weitere junge Maler wie Denis, Bonnard oder den Schweizer Vallotton, die sich um 1889 zu einer Gruppierung mit dem anfänglich halb scherzhaft gemeinten Namen Nabis (hebr. "Propheten") unter der Führung von Paul Sérusier zusammengetan hatten. Obwohl Vuillard durchaus seinen Anteil an der Bewegung der Nabis genommen hatte, bleibt eigenartig, dass ihm heute außerhalb Frankreichs längst nicht die Beachtung zuteil geworden ist, die ihm gebührte. Bonnard wurde populär, Vuillard nie. Jener hatte Vuillard nicht nur um einige Jahre überlebt, sondern auch ansprechendere Sujet gemalt, nämlich vor allem Akte und Landschaften. Vuillards Vorliebe galt dagegen vor allem dem Interieur, der Darstellung von Wohn- oder Schlafräumen, von Salons vornehmer Häuser. Vuillard war sicherlich einer der bedeutendsten Dekorationsmaler um die Jahrhundertwende.
Nach der Auflösung der Nabis blieb Vuillard seinem eingeschlagenen Weg als Interieurmaler treu. Die Impressionisten, etwa Degas, hatten von den photographischen Schnappschüssen inspiriert nicht selten ungewöhnliche Bildausschnitte und damit Überschneidungen von Figuren gewagt. Ein auf den ersten Blick merkwürdiger Ausschnitt zeigt sich auch in La chambre bleue. Von dem nur von einer Stehlampe links erleuchteten Zimmer liegt das besondere Interesse des Malers in der Ecke, in welcher eine geschlossene Tür zu sehen ist. Angeschnitten sind der Frisiertisch mit dem Spiegel an der Wand bzw. das Fell eines Bettvorlegers. Noch mysteriöser wirkt das blautonige Bild, gewahrt man die Frau, die wie eine Asiatin frisiert und mit einem Kimono bekleidet ist. Sie steht auf Zehenspitzen dicht bei der Tür und scheint zu lauschen, während sie mit innerer Anspannung ihren Fächer festhält. Unauflöslich geheimnisvoll bleibt die Atmosphäre dieser nächtlichen Szenerie, wodurch das Gemälde seinen intimen Reiz erhält.



Bild Zoom
Webclip