Hatte sich Malewitsch in den frühen zwanziger Jahren vor allem damit beschäftigt, seine revolutionäre Kunstlehre theoretisch zu begründen und an Jüngere weiterzugeben, setzte bei ihm kurz vor 1930 nochmals eine sehr kreative Schaffensphase ein, die bis zu seinem Tod 1935 anhielt. Die rund 80 Bilder, die in diesen paar Jahren entstanden sind und zu denen auch das vorliegende magis-trale Werk gehört, werden in der Fachliteratur gerne als «post-suprematistisch» bezeichnet. Scheint es doch, als hätten die Bilder mit den kühnen Maximen des Suprematismus kaum mehr etwas zu tun.
Zu verstehen ist dieser radikale Stilwandel nur, wenn man sich die damalige politische Situation in Erinnerung ruft. Als nach Lenins Tod 1924 Stalin an die Macht kam, wurde der offiziellen Kulturpolitik eine völlig neue Ausrichtung aufgezwungen. Waren früher fortschrittliche Tendenzen wie der Suprematismus favorisiert worden, so erklärte die Partei nun den sozialistischen Realismus zur offiziellen Kunstform. Unter den führenden Köpfen der russischen Avantgarde sahen sich viele dazu gezwungen, das Land zu verlassen oder sich harmlosen und unverdächtigen Beschäftigungen zuzuwenden.
Von diesen Repressionen wurde auch Malewitsch nicht verschont. Als er 1927 aus Berlin zurückkehrte, wo er mit einer gros-sen Retrospektive geehrt worden war, zog er es vor, seine Bilder dort bei einem Freund zu lassen. Sehr zu recht, wie sich bald erweisen sollte. Im Herbst 1930 wurde Malewitsch verhaftet und unter dem Verdacht der politischen Unbotmässigkeit für ein paar Wochen in das sogenannte Grosse Haus des KGB gesperrt.
Dieses dramatische Erlebnis ist auf dem vorliegenden gross-formatigen Gemälde in verschlüsselter Form dargestellt. Mit der grossen gesichtslosen Figur in der schlichten Russenbluse hat sich der Künstler wohl selbst abgebildet, und dass das umzäunte Gebäude im Hintergrund nur ein Gefängnis sein kann, beweisen nicht nur die vergitterten Fenster, sondern auch das turmartige Wachlokal.
Obschon das Bild, das Malewitsch mit Hilfe mehrerer Entwurfszeichnungen vorbereitet hat (Abb.), unmittelbar nach seiner Entlassung entstanden sein muss, ist es auf der Leinwand ins Jahr 1915 datiert. Solche bewussten Vordatierungen gibt es in dieser Schaffenszeit viele. Ohne Zweifel hatten sie den Zweck, die künstlerische Tätigkeit von Malewitsch, die, wie er am eigenen Leib hatte erfahren müssen, unter dem Verdacht der Subversivität stand, als etwas längst Vergangenes und Überwundenes darzustellen. Dass Malewitsch für das vorliegende Bild gerade die mittleren zehner Jahre als fingierte Entstehungszeit einsetzte, erklärt sich daraus, dass die Motivwelt an diese frühere Schaffenszeit anknüpft.



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