Pablo Picasso © Succession Picasso/VBK, Wien 2011
Als Picasso im Jahr 1961, bereits achtzigjährig, Jacqueline Roque heiratete und in das Landhaus Notre-Dame-de-Vie in Mougins oberhalb von Cannes umgezogen war, schlug er auch das letzte Kapitel seines opulenten Lebenswerkes auf. Man konnte damals den Eindruck gewinnen, dass Picasso das Schicksal des Midas widerfahren sei, der alles, was er anfasste, zu Gold verwandelte: Nicht nur, dass er mittels seiner Kunst ein sehr reicher Mann geworden war, er vermochte es auch, aus jedwedem Material oder auch Technik ein unverkennbares Werk seiner Kunst zu machen. Picasso griff in den fünfziger Jahren immer wieder das Verhältnis von Mann und Frau auf oder, was für ihn dasselbe war, die Beziehung zwischen Maler und Modell, nicht zu vergessen dabei die Rückgriffe auf Sujets der antiken Kunst. Er suchte aber auch forciert die Auseinandersetzung mit der neueren und modernen Kunstgeschichte und fertigte ganze Serien von Kopien nach Velazquez' Las Meninas oder Manets Déjeuner sur l'herbe an. Auf diese Weise assimilierte er diese Chef d'oeuvres zu Originalen seiner Hand.
Der Stil von Picassos Malerei erreichte in seinem Spätwerk eine formale wie farbliche Direktheit, wie sie zuvor von ihm nicht bekannt war. Teilweise wurde die maltechnische Behandlung schockierend grob, ohne jede gesuchte handwerkliche Raffinesse. So bedarf auch Nu assis dans un fauteuil der Eingewöhnung: Fast nachlässig ist die Farbe verstrichen oder scheint — wie in der pastosen weiß-grauen Farbmasse an den Schulterpartien — zu dick aufgetragen. Am 23. April 1963 malte Picasso eine Serie von drei Aktbildern, deren Modell vermutlich Jacqueline war. Das Bild Nu assis ist, wie auf der Leinwandrückseite vermerkt, das letzte von ihnen gewesen. Das erste in der Reihe gibt einen stehenden Akt wieder, der schon wesentliche Momente des dritten Bildes vor allem in der Zeichnung der Figur aufweist. Das zweite Bild zeigt den Akt vergleichbar auf einem Stuhl sitzen. Die Farbgebung ist ähnlich: Gelb im unteren Bilddrittel, die Zeichnung der Frau in Rot-Grün. Was Picasso an diesem Apriltag interessierte und in drei Gemälden ausprobierte, war erst einmal ein formales Problem, wie nämlich der komplementärfarbige und mit wenigen, chiffreartigen Strichen gezeichnete Akt in seiner beweglichen und pastosen Farbmasse von dunklen, orthogonalen Linien eines Stuhles begrenzt und zusammengehalten werden könnte. Darüber hinaus kann dieser Akt allgemeiner als ein Sinnbild des Menschen in seiner Freiheit und deren Begrenzung verstanden werden.



Bild Zoom
Webclip