Alberto Giacometti © Fondation Giacometti, Paris/VBK, Wien 2011
Der künstlerische Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg führte Alberto Giacometti auch zu einem Darstellungsmittel zurück, das er während seiner surrealistischen Zeit stark vernachlässigt hatte: der Malerei. Im Gegensatz zu seinem plastischen Schaffen stellt er in den Bildern nicht nur Figuren dar, sondern widmet sich auch anderen Themenbereichen wie dem Interieur, dem Stilleben und der Landschaft. Die meisten seiner Landschaftsbilder malte Giacometti im Bergeller Dorf Stampa, wo er aufgewachsen war und wo er auch nach seiner Niederlassung in Paris 1922 fast jedes Jahr den Sommer verbrachte. Einige dieser Landschaften – unter ihnen wohl auch das vorliegende Beispiel aus dem Jahr 1952 – müssen dagegen im höher gelegenen Engadiner Dorf Maloja entstanden sein, wo die Familie Giacometti ein Sommerhaus besass. Von Maloja aus führt die Strasse aus der Engadiner Hochebene in steilen Serpentinen durch das Bergell hinunter nach Italien. Viel zu erkennen ist von dieser Landschaft auf dem vorliegenden Bild allerdings nicht. Scheint rechts der Giebel eines Hauses in die Fläche zu ragen, so stellt die runde Form in der Bildmitte wohl einen Busch oder einen Baum dar. Mit der nach links geneigten Stange kann dagegen nur jener Telefonmast gemeint sein, der auf einer alten Photographie klar zu erkennen ist. Giacometti hat dieses Bild wohl von einem Fenster aus gemalt, wobei er es nicht bei einer einzigen Fassung bewenden liess. Der gleiche Ausblick erscheint noch auf mindestens drei weiteren Bildern mit unterschiedlichen Formaten, die ebenfalls im Sommer 1952 entstanden sein müssen. Der Malstil ist in allen diesen Bildern der gleiche. Das Zeichnerische und Nervöse der Pinselschrift und die fast gänzliche Reduktion der Palette auf verschiedene Grautöne verleihen ihnen etwas Grisaillehaftes. Nirgendwo ist Alberto Giacomettis Nähe zur zeitgenössischen informellen Kunst deutlicher zu spüren als in diesen nahezu abstrakt anmutenden Landschaftsbildern.



Bild Zoom
Webclip