Alberto Giacometti © Fondation Giacometti, Paris/VBK, Wien 2011
Abgesehen von seinem Bruder Diego stand Giacometti niemand häufiger Modell als seine Frau Annette. Ihr Abbild erscheint in allen erdenklichen Ausschnitten: als ganzfiguriger Akt, als Büste oder bloß als weiblicher Kopf. Die um 20 Jahre jüngere Annette lernte Alberto während der Kriegszeit in Genf kennen und folgte ihm 1946 nach Paris, um dort mit ihm zu leben. Damit begann für die junge Frau ein nicht eben leichtes Leben. Auch als Giacomettis Ruhm in den fünfziger Jahren wuchs, er durch seine Kunst reich wurde, lehnte er — auch was seine Frau betraf — weiterhin jede luxuriöse Lebensführung ab. Zudem färbte die ständige Unzufriedenheit Giacomettis mit sich und die Verzweiflung am Gelingen seines Werkes auf seine Frau ab - ein Leben in einem täglichen und nicht endenden Zyklus von Aufbau und Zerstörung musste zermürben. Es konnte nicht ausbleiben, dass Annette zusehends verbitterte. Sie hatte sich bedingungslos in den Dienst an der Kunst Giacomettis gestellt und bekam dafür nur selten Anerkennung.
Den Eindruck des Skizzenhaften, Unfertigen und des Non-finito ist sämtlichen Werken Giacomettis, aber besonders den grisailleartigen Gemälden eigen. James Lord, amerikanischer Schriftsteller, Freund und wichtiger Biograph Giacomettis, ließ sich im September 1964 von Alberto porträtieren. Den Verlauf der 18 Sitzungen, die dies Unternehmen dauerte, zeichnete er auf und veröffentlichte es 1965 unter dem Titel A Giacometti Portrait. Darin schrieb er über die Bedeutung des Porträtmalens folgendes — eine Bemerkung, die auf alle Bildnisse zutrifft: "Das Portrait hatte als Portrait keine Bedeutung mehr. Selbst als Gemälde schien es nicht viel zu bedeuten. Was Bedeutung hatte, was einzig da war und ein Eigenleben besaß, war sein unermüdlicher, endloser Kampf, durch den Akt des Malens bildhaft eine Wahrnehmung der Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen, die für einen Augenblick mit meinem Kopf übereinstimmte. Dies zu erreichen, war natürlich unmöglich, denn was seinem Wesen nach abstrakt ist, kann niemals veranschaulicht werden, ohne sein Wesen zu verändern. Aber er war darauf festgelegt, in der Tat sogar verurteilt, dies zu versuchen, und zeitweise schien seine Aufgabe eher der des Sisyphus vergleichbar".



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