Urbane Visionen von Künstlern waren Thema der Ausstellung "La ville moderne en Europe", die 1994 in Paris und Barcelona gezeigt wurde. Darunter befand sich auch Filonows Gemälde Stadt, eines der Hauptwerke des russischen Malers aus der Mitte der zwanziger Jahre. Diese wichtige Schau erinnerte daran, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Großstadt ein virulentes künstlerisches Motiv und Thema war - und dies nicht nur im Bereich der Malerei, sondern auch in Literatur und Film. Die Ballung der Menschen in den Zentren, besonders vor und nach dem 1. Weltkrieg, die daraus entstandenen sozialen Spannungen forderten die Künstler heraus: Hektik und Entfremdung ließ die Expressionisten apokalyptische Szenarien entwerfen; ähnlich atemlos intonierten die Lyriker ihr Stakkato. Im Kino liefen Chaplins tragikomische Filme City Lights oder The Tramp; Fritz Lang entwarf in Metropolis ein düsteres Zukunftsbild.
Für den Individualisten Filonow war die Stadt "... die Quelle des Bösen, die den Menschen körperlich und seelisch verkrüppelt." Sein Bild der Stadt mag in manchen Partien an Landkarten mit eingezeichneten Flussläufen und Bebauungen erinnern. Darüber sind aber wie in einer Collage Köpfe, Figuren, Worte in Kyrillisch (wie "Bier", "Bar" u. ä.) und Szenen eingeblendet, die die Stadt als Sinnbild eines geschichtlichen Prozesses zeigen. Groß sind zwei gegensätzliche Figuren zu erkennen: links der intellektuelle Künstler, bebrillt, mit einem Buntstift zeichnend. Er fixiert sein Gegenüber mit stechendem Blick. Auf der anderen Seite, schon in Auflösung begriffen, ein männliches Gesicht mit geöffneten Mund und trunkenem Blick, das eine Art Krone auf dem Kopf, an die Spielkarten geheftet sind. Dieser Kopf erscheint auch auf dem Bild Formel des Imperialismus (1925). Man sieht sonst allerlei Gegenstände und Szenerien, die auf die Schattenseiten städtischen Lebens hinweisen. Zwischen beiden Köpfen aber erhebt sich bereits, in Gestalt dreier bläulich nackter Figuren, das neue, freie Geschlecht.



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