Oskar Kokoschka © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2011
Kokoschka ragt mit seinem Spätwerk wie ein Fossil in die Kunstgeschichte der Nachkriegszeit hinein. In den sechziger Jahren bestimmten Informel und Pop Art die Kunstszene. In dieser Art der von Amerika dominierten Kunst sah Kokoschka, ähnlich wie Adorno und die "Frankfurter Schule", Europa in seiner Existenz als "geistigem Kontinent" bedroht. Er bezeichnete den abstrakten Expressionismus gelegentlich schon einmal als "Bockmist" — er liebte drastische Ausdrücke und setzte dagegen sein figürlich darstellendes Oeuvre, in dem er das Erlebnis aus der Anschauung gewahrt wissen wollte. Um das Jahr 1964, in dem Kokoschka in Villeneuve am Genfer See das Stilleben mit Früchten und "Chevalier Sylvain" gemalt hatte, befasste sich der Maler ausführlich mit der griechischen Antike. Es entstanden der graphische Zyklus Hellas und die Illustrationen zu Homers Odyssee.
Das Stilleben mit Vogel, wie dieses Bild in älteren Publikationen genannt wurde, scheint zu Kokoschkas Lieblingsbildern gezählt zu haben, wie anhand eines Photos von 1975 vermutet werden darf. Hier sieht man links oben das Gemälde an der Wand im Wohnzimmer hängen, in dem Kokoschka und seine Frau Olda an einem Tisch gegenüber sitzen. Man könnte auch für Stilleben mit Friichten Bezüge zur Antike aufweisen, insofern sich Parallelen zur literarischen Form der Äsopischen Fabel finden, die per definitionem einen lehrhaften Inhalt in pointierter, antithetischer Form zumeist in Gestalt von Tieren mitteilt. Wenn man so will, erzählt Kokoschka hier die Fabel von der Taube und den Früchten. Die Lehre dieser Fabel könnte vom höheren Wert der Anschauung dem praktischen Handeln gegenüber handeln. Die Taube, die Kokoschka "Chevalier Sylvain" nannte und damit in ihrer ritterlichen Standhaftigkeit charakterisierte, schaut nur. Sie frisst die in einer Schale auf dem Fensterbrett dargebotenen Früchte nicht. Die Anschauung des verlockend Genießbaren siegt über den leiblichen Genuss.



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