Nach anfänglichen impressionistischen Versuchen lernte Paul Signac 1884 den nur vier Jahr älteren Georges Seurat kennen. Zusammen mit dem alten Pissarro bildeten sie den Kern der neo- impressionistischen Bewegung. Während sich der introvertierte Seurat gegenüber Kollegen eher scheu und sehr distanziert verhielt, trachtete Signac danach, die neue Malerei zu verbreiten und Anhänger zu gewinnen. Sein prominentestes "Opfer" war Vincent van Gogh, der, um 1886/87 in Paris, auch in dieser Stilrichtung dilettierte. Nach Seurats frühem Tod 1891 wurde Signac zum unbestrittenen Cheftheoretiker der Gruppe. Seine bedeutende, 1898/99 publizierte Schrift "D'Eugene Delacroix au Neoimpressionnisme" machte nicht nur die eigene Position klar, sondern stellt auch den Versuch dar, den Divisionismus von der Malerei des Spätromantikers Delacroix' herzuleiten und damit in eine genuin französische Tradition zu stellen.
Signacs offensives Wesen wird auch in seiner Segelleidenschaft offenbar, die letztlich natürlich im Dienste seiner Malerei stand. Angeregt von seinem Kollegen Caillebotte kaufte er sich 1883 eines kleines Boot, um auf der Seine zu segeln. Im Laufe der Zeit wurde er zu einem tüchtigen Hochseesegler. Keiner "entdeckte" so viele Hafenmotive wie er — ausgenommen vielleicht der holländischen Maler-Segler Jongkind, über den Signac 1927 ein Buch geschrieben hatte. Signacs Entdeckungen waren die Häfen im Golf von Bisquaya (La Rochelle) und ganz besonders an der Côte d'Azur, beispielsweise Antibes oder St. Tropez, wo er sich 1897 auch niederließ. Nicht weniger interessierten ihn imposante Architekturen zwischen Wasser und Himmel. Einmal reiste er zum Mont Saint-Michel und malte das Kloster bei Flut. Ein andermal fuhr er nach Istanbul, wo ihn der Blick über das Goldene Horn auf die Altstadt mit ihren zahllosen Moscheen faszinierte.
Die Serenissima hatte auch Signac verzaubert, als er die Lagunenstadt Venedig im März 1908 besuchte. Das Bild Venise — Le Nuage rose wurde aber, nach vor Ort gemachten Studien, erst 1909 fertig gestellt. An den bereits im Abendschatten der Häuser liegenden Segelbooten vorbei blickt man auf die Isola di San Giorgio Maggiore. Die charakteristische Kirchenfassade von Palladio ist zu erkennen, die Kuppeln sowie der an den Markusturm erinnernde Campanile aus dem 18. Jahrhundert. Darüber leuchtet eine rote Wolke, die das Licht der untergehenden Sonne streut und die Farbigkeit des Bildes derart bestimmt, dass die Segelschiffe im Vordergrund in ein wunderbares Smaragdgrün getaucht werden. Trotz des offensichtlich kalkulierten, mosaikartigen Farb- und Strichsystems evoziert Signac eine wunderbare Abendstimmung, die sein Faible für Romantik verrät.



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