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Witebbsk, scène du village
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Höhe
37.5
Breite
54.5
Material
Öl
Entstanden
1924
Inv.Nr
G 0097

© VBK, Wien 2011

Chagall war gerade 35 Jahre alt, als er 1921 in Moskau mit seiner Autobiographie begann. Wenngleich auch diese Memoiren keine Chronik, sondern eine eher poetische Schilderung darstellen, so bedeutete doch der Entschluss, auf ein vergleichsweise kurzes Leben zurückzublicken, einen Orientierungsversuch, der einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben vorausging, nämlich Russland für immer zu verlassen. Seine Selbstbiographie umfasst denn auch wesentlich drei Phasen seines Lebens: die Jugend in Witebsk, die vier Jahre in Paris sowie die Rückkehr nach Russland zu Kriegsbeginn. Die dortige Situation war nach der Oktoberrevolution 1917 für ihn sehr hoffnungsvoll. Chagall wurde zum Volkskommissar für Kunst ernannt und konnte 1919 in Witebsk sogar eine Kunstakademie gründen, an die er u.a. Malewitsch berief. Vor allem mit dessen Kunst, dem Suprematismus, kam der träumerische Chagall nicht zurecht: Er trat zurück und ging nach Moskau, wohl schon den Gedanken an Emigration in sich tragend. Auch wegen der zunehmenden ideologischen Gängelung reiste er 1922 nach Berlin und übersiedelte 1923 endgültig nach Paris.

Von 1924 bis 1927, Zeit, aus der die Bilder Witebsk, scène de village und Le cerf volant stammen, mietete sich Chagall das ehemalige Appartement als Atelier, das Lenin während seines Exils in Frankreich bezogen hatte. Dieser war im Januar 1924 gestorben und an seiner Stelle hatte Stalin die Macht übernommen, Witebsk, scène de village führt, wie viele Bilder vorher, seine russische Heimat vor Augen, nur, etwa im Unterschied zu Le cerf volant, nicht in gewohnt heiterer Verklärung. Ein in unschuldiges Weiß gekleideter Clown liegt im Dreck eines Dorfplatzes und kann gerade noch — wie Diogenes — seine brennende Öllampe hochhalten. Die Häuser des Dorfes scheinen verwaist, die Tür steht offen und leer. Männer, ihre Habe geschultert, sind im Aufbruch, zu Fuß oder mit dem Pferdewagen. Über der verlassenen Ortschaft droht ein blutroter Himmel, als würde eine mächtige Feuersbrust wüten. An diesem Himmel erscheint wie ein Unheil bringendes Zeichen die goldene Sichel — in Anspielung auf das Banner der im Dezember 1922 durch den Zusammenschluss Russlands, der Ukraine und Weißrusslands gegründeten Sowjetunion.