Alberto Giacometti © Fondation Giacometti, Paris/VBK, Wien 2011
James Lord überliefert eine merkwürdige Begebenheit aus der Jugend Giacomettis: "Jeden Abend vor dem Schlafengehen mussten Albertos Schuhe und Socken auf dem Boden neben dem Bett in einer ganz bestimmten Anordnung zurechtgerückt werden: Die Socken wurden glatt gestrichen und nebeneinander so ausgelegt, dass sie wie Füße in der Seitenansicht aussahen; Daneben standen an genau festgelegter Stelle die beiden Schuhe." Dieses sich jeden Abend wiederholende Ritual, das eine bestimmte, beinahe zwanghafte Ordnung von Dingen in ihrem Verhältnis zueinander und zu ihrem Bezugspunkt herstellte, äußerte sich auch später bei Giacometti. Er konnte sich beispielsweise in einem Café ausschließlich damit beschäftigen, eine ästhetisch befriedigende Anordnung der Tassen, Gläser oder sonstigen Gegenstände auf seinem Tisch zu finden — meist erfolglos. Ebenso wurde beim Porträtmalen, das Einnehmen der Positionen des Hockers, auf dem er selbst saß, der Staffelei und des Stuhls des Modell zu einem Ritual. Die Stellen hatte er mit Farbe auf dem Fußboden markiert.
Um wie viel ausgeprägter musste sich dann dieser Ordnungssinn in seiner Kunst zeigen! Besonders in den Jahren um 1950 erprobte er wiederholt Gruppierungen von Figuren auf einer gemeinsamen Fläche. Dabei waren die Figuren von unterschiedlicher Länge, Dicke, Ausschnitt und natürlich gestischen Richtung. Solchen Gruppenplastiken gab er Namen wie Der Wald, wenn ihm die Beziehung der Figuren zueinander wichtig war oder Der Platz, wenn das Augenmerk auf den Beziehungsgrund gelenkt sein sollte. Bei Quatre femmes sur un socle von 1950 stehen vier weibliche Figuren auf einem Quader, der einem Ziegel ähnlich ungefähr ein Drittel der Gesamthöhe ausmacht. Aus diesem schwer lagernden Grund schießen wie die Enden einer Gabel fadendünn vier Frauen in einer Reihe und in sehr regelmäßigen Abständen voneinander heraus. Bei genauem Hinsehen wird man einzelne Körperteile genau unterscheiden können. Man kann sogar eine gewisse Bewegung an ihnen wahrnehmen, etwa das verhaltene Neigen der Köpfe, ein Wiegen der Körper oder ein Bewegen der Beine, so dass man an sich darbietende Damen gewisser Etablissements denken könnte, die Giacometti häufiger frequentierte. Aber der Eindruck einer Allee von Bäumen oder jener feierlicher, stiller Hoheit altägyptischer Tempelgöttinnen bleibt doch dominant — typisch für Giacomettis Frauen-Darstellungen.



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